Von kindlichen Testballons

… und nützlichen „M-hm“s

Das ernste Gesicht der Quatschnudel passte nicht zu dem, was sie mir eines Tages vor dem Abendessen erzählte: „Mama, heute in der Kita war der F da zu Besuch und die H hat gesagt: Quatschnudel, das ist der F. F, das ist die Quatschnudel.“

Einschub, kurze Erklärung: H ist 4 Jahre alt und in der gleichen Kitagruppe wie die Quatschnudel; F ist der 5-jährige Cousin von H. F hatte die Kitagruppe der Quatschnudel schon früher besucht; die Kinder kannten sich also. (Und natürlich hat H nicht „Quatschnudel“ gesagt sondern ihren Namen.)

Mein erster halber Gedanke war der naheliegende: Da hat die H wohl spielerisch-übertrieben-höflich F und die Quatschnudel einander vorgestellt; auch wenn die sich eigentlich schon kannten. Aber ich dachte auch sofort: Hier fehlt noch ein Teil der Geschichte.

Banksy-balloon

Banksy: „Girl with Balloons“ (Foto: Oren Rozen, cc-by-sa)

Eventuell wäre ich der Sache nun mit aktivem Zuhören, das Snowqueen vom Gewünschtesten-Wunschkind hier ausführlich beschrieben hat, näher gekommen. Aber ich muss zugeben: Ich bin darin einfach kein Naturtalent. Schon gar nicht, wenn so eine Gesprächssituation unangekündigt auftaucht und ich aus dem Stegreif das richtige antworten sollte.

Was ich aber ganz gut kann, ist zumindest nicht etwas „falsches“ zu antworten. Sprich:  keine Bewertung abzugeben, schon gar keine vorschnelle. (Also in diesem Fall, nicht zu sagen: „Hä, wo war denn da das Problem? Die hat euch doch einfach einander vorgestellt.“ Oder noch schlimmer: „Ach wie nett, die H hat euch einander vorgestellt!“) Im Zweifelsfall – und so auch in diesem Fall – sage ich einfach nur:

„Aha.“

Das ist dann wohl eher passives Zuhören. Die Quatschnudel sprach nun weiter:

„Und da habe ich gesagt: ‚H, ich will das nicht! Das ist nicht nett!‘ und bin weggegangen.“

Die Quatschnudel machte ein verärgertes Gesicht, als sie nacherzählte, was sie zu H gesagt hatte. Jetzt wäre ganz sicher ein guter Zeitpunkt für aktives Zuhören gewesen. Aber ich war noch immer ein wenig überrumpelt, sagte also wieder so etwas wie:

„M-hm, verstehe.“

Vor allem dachte ich: Mal abwarten. Da kommt bestimmt noch was.

Und tatsächlich: Am Abend im Bett wiederholte die Quatschnudel die Geschichte. Jetzt fiel mir eine intelligente Nachfrage ein:

„Hat die H nur das gesagt oder hat sie auch noch was gemacht?“

Denn wie gesagt, das passte ja alles noch nicht zusammen. Und die Quatschnudel antwortete:

„Sie hat *so* gemacht.“ – Und dabei breitete die Quatschnudel ihre Arme weit auseinander und führte sie dann ausgestreckt vor sich zusammen.

Durch einiges Nachfragen und ein Rollenspiel („Okay, du bist jetzt die H und ich bin du und das Kissen hier ist der F. Kannst du mir zeigen, was die H gemacht hat?“) kam heraus: H hatte F und die Quatschnudel aneinandergedrückt; hatte die beiden quasi zum „Kuscheln“ gezwungen.

Jetzt ergab die Reaktion der Quatschnudel absolut Sinn! Der verärgerte Widerspruch, das Weggehen. Und jetzt konnte ich sie deutlich und ausführlich darin bestärken, dass ihre Reaktion genau richtig gewesen war.

Wir haben dann noch eine Weile über den Vorfall geredet und ich habe der Quatschnudel versichert, dass ich der Erzieherin in der Kita davon berichten würde und dass diese mir auf jeden Fall Recht geben würde, dass das, was H gemacht hatte, nicht in Ordnung gewesen war.

Und damit war die Quatschnudel zufrieden. Ich denke, damit war der Vorfall für sie erledigt und auch emotional abgeschlossen.

Von (sexuellen) Übergriffen

Und nun erinnerte ich mich an etwas, das ich einige Monate zuvor gelesen hatte. Es ging darum, warum viele Menschen sexuelle Übergriffe nicht zeitnah jemandem erzählen. Ich las den Bericht einer Frau, die sinngemäß geschrieben hatte, sie habe dies auf ihre Art als Kind tatsächlich versucht. Sie habe ein Mal zu ihrer Mutter sagte: „Mama, der Papa badet immer nackig mit mir.“ Und die Mutter habe geantwortet: „Das ist doch schön!“ – Woraufhin das damlige Kind (verständlicherweise) nichts von den Übergriffen des Vaters erzählte.

Als ich diese Geschicht damals las, dachte ich: Ach du Scheiße! So höllisch muss ich als Elter aufpassen, was ich meinem Kind antworte? Hilfe! Hätte ich etwa eine bessere Antwort hinbekommen als diese Mutter?!?

Die Testballons

Banksy-balloon-ausschnittWas die beiden Geschichten – die von der Frau und die von meiner Quatschnudel – gemeinsam haben, ist der Testballon, den die beiden Kinder zunächst hochgeschickt haben: Sie haben einen ersten, kurzen, eigentlich unverfänglichen Teil der Geschichte erzählt. Sie haben abgewartet, wie die Mutter auf diesen Testballon reagiert. Und je nach dieser Reaktion haben sie weitererzählt und sich geöffnet – oder eben nicht.

Und ich habe es wohl zumindest dieses eine Mal geschafft, ich habe den Test(ballon) meines Kindes bestanden. Und es fiel mir gar nicht so schwer, wie ich es vorher gedacht hätte! „M-hm“-Sagen kann ich.

Ich habe jetzt also diese Theorie: Vielleicht sind solche Testballons nach belastenden Erlebnissen hilfreich; und damit gerade für die Opfer von Übergriffen. Denn Übergriffe (und für sexuelle gilt das sicherlich deutlich mehr als für andere Übergriffe) verunsichern massiv. Als Opfer solcher Übergriffe spüren wir, dass etwas nicht stimmt, dass irgend etwas enorm falsch ist. Scham steigt in uns auf und vernebelt unseren Blick und unsere Urteilskraft. Wir zweifeln ernsthaft, ob unsere unguten Gefühle berechtigt sind; ob wir, kurz gesagt, das „richtige“ fühlen.

Mit einem Testballon können Kinder sich also vortasten, ohne Gefahr zu laufen, auch noch von ihrer Bezugsperson abgewatscht zu werden. Deshalb aber bleiben sie dabei zunächst so vage, dass die Sache – wie in der Geschichte der Frau – für das Kind nach hinten losgehen kann. Womit ich selbstredend kein Milligramm der Verantwortung auf die Kinder schieben will! Im Gegenteil: Die liegt bei uns Eltern. Es kann also nicht schaden, wenn wir uns hierfür sensibilisieren.

Einschub 2: Klar, vielleicht ist die Theorie vom Testballon für die Geschichte der Quatschnudel gar nicht nötig; vielleicht hat sie einfach nur zufällig nicht die ganze Geschichte erzählt, weil ihre Theory of Mind noch nicht soweit ausgebildet ist; es für sie also nicht offensichtlich ist, dass ich nicht zugleich weiß, was H gemacht hat, wenn sie mir doch erzählt, was H gesagt hat. So oder so: Ich bin ziemlich sicher, dass die Quatschnudel mir nicht so leichtherzig oder vielleicht sogar gar nicht weiter von ihrem Problem erzählt hätte, wenn ich gesagt hätte: „Ach wie nett, die H hat euch einander vorgestellt.“

Im Zweifel für „M-hm“

Das mit dem Nicht-Bewerten kann man auch bei anderen Gelegenheiten üben, habe ich festgestellt. Hier eine andere Geschichte, die schon ein paar Monate zurückliegt: Die Quatschnudel erzählte mir, was sie beim Mittagsschlaf in der Kita geträumt hatte: Dass ich sie abends nicht abgeholt hätte und sie ganz alleine zu Fuß den Weg nach Hause gelaufen sei.

Sie erzählte das ohne besondere Gefühlsmimik. Dennoch lag es mir auf der Zunge zu antworten: „Oh, was für ein schlimmer Traum. Aber ich verspreche dir, entweder Papa oder ich holen dich immer-immer ab!“

Aber dann stoppte ich mich im letzten Moment und sagte etwas anderes, nämlich:

„Und war das ein schönes Gefühl im Traum, weil du das ganz alleine geschafft hast? Oder war das ein nicht-schönes Gefühl im Traum, weil du dich alleine gefühlt hast?“

Die Quatschnudel bestätigte mir letzteres: dass es ein unschöner Traum gewesen sei. Alles klar. Aber ich hatte ihr keine Interpretation vorgegeben, ich hatte ihre Interpretation und ihre Empfindungen gewürdigt. Mein kleiner persönlicher Triumph im Alltag.

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5 Gedanken zu “Von kindlichen Testballons

  1. Hallo liebe Quatschmama,

    ich finde diesen Artikel ganz wunderbar und ich muss Dir dazu, als Profi in Sachen Kommunikation (nicht Pädagogik) folgendes sagen: Das M-hm ist total gut! Das M-hm ist nicht irgendeine Notfall-Lösung, für „mir fällt grade keine richte Aktives Zuhören Frage“ ein. Ehrlich, es ist auf seine Art perfekt. Denn: Viele Fragen geben schon eine gewisse Richtung vor, sie bauen in aller Regel schon auf dem Bild auf, das wir uns zur Erzählung machen und können dementsprechend auch in die völlig falsche Richtung führen und das Kind ebenso irritieren, wie eine Antwort oder Bemerkung.

    Das M-hm lässt Raum. Es ist ein Signal dafür, dass man zuhört und dass das Gegenüber seine Gedanken weiter ausführen kann. Deshalb gebe ich in aller Regel nur diese Signale, dass ich weiterhin zuhöre und das so lange, bis das Gegenüber signalisiert, dass es fertig ist. Bei Kindern ist das natürlich schwieriger, da frage ich dann bei meinem manchmal nach, ob das alles ist, was es dazu sagen wollte. Und ganz ehrlich: Ich überlege mir die Fragen immer sehr gut, grade wenn ich den Eindruck habe, dass das Kind über ein sensibles Thema berichtet.

    Sehr viele Kinder hassen es, von ihren Eltern ausgequetscht zu werden mit Nachfragen. Wir haben eben nicht alle eine pädagogische Ausbildung und viele Jahre Erfahrung in der Arbeit mit Kindern. Und dann ist es oft gut – im Sinne von gut genug – den Kindern Zeit zu geben und ihnen zu signalisieren, dass sie alles erzählen können und dass wir uns bemühen werden, das zu verstehen, was sie uns sagen. Und wenn einem nichts dazu einfällt, auch einfach nichts dazu zu sagen. Denn dann versperrt man nicht durch eine Bemerkung, dass das Kind das Thema später wieder aufnimmt.Vielleicht kann es sich in dem Moment auch grade gar nicht besser dazu äußern, und Nachfragen würden da auch nicht helfen. Mein Chef sagt immer: Wer fragt, der führt. Und da ist etwas Wahres dran.

    Ich finde Du hast das ganz wunderbar gelöst mit Deinem Kind und es ist ein tolles Beispiel mit dem Testballon, mit dem Kinder schauen wollen, ob sie Raum finden werden für etwas, das sie gern erzählen möchten.

    Vielen lieben Dank für den Blogpost.

    Deine Esther Uiuiui

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    • Liebe Esther,

      deine Antwort gefällt mir sehr sehr gut! Tatsächlich hatte ich das Problem der Richtung-vorgebenden Fragen im Hinterkopf, als ich gefragt habe: „Hat die H nur das gesagt oder hat sie auch noch was gemacht?“ – Ich hatte dann ja Glück und habe damit ins Schwarze getroffen. Aber ich bin mir bewusst, dass wir Eltern da möglichst vorsichtig und sensibel sein sollten.

      Liebe Grüsse!

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      • Liebe Quatschmama,

        irgendwann hat das Kind in der Regel auch so viel erzählt, sei es verbal oder mit Körpersprache, dass wir eine gute Basis für Fragen haben, weil die Richtung sich dann schon herauskristallisiert.

        Mein Kind redet gern über die wichtigen Themen, während ich Autofahre oder abends im Bett, wenn es schon dunkel ist. Ich finde diesen Zusammenhang recht interessant, denn es scheint eine Erleichterung für mein Kind zu sein, wenn der körperliche Ausdruck unbeobachtet bleibt. Aber in Deinem Fall war es sehr hilfreich. Ein interessantes Feld. Ich schreibe da nochmal was zu, wenn mein Hirn nicht mehr von Schmerzen und Tabletten vernebelt wird.

        Liebe Grüße zurück
        Esther

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  2. Danke für diesen Augen-öffnenden Artikel. Was ich von einer Logopädin als Tipp bekommen habe und was bei uns bisher (Kind ist 3) sehr gut funktioniert, ist, das Kind mit einer Habdpuppe reden zu lassen. Dieser Puppe erzählt das Kind viel mehr und ausführlicher, obwohl ich in keinster Weise verstecke, dass ich an der Puppe dran Häbge. Das Kind liebt die Puppe. Soll tatsächlich sogar bis ins frühe Teenager-Alter funktionieren. Ich bin gespannt. Was hältst Du davon?
    Herzliche Grüße,
    Marika

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    • Liebe Marika,

      ich fühle mich geehrt, dass du mich fragst, was ich davon halte – bin ich doch in keiner Weise Expertin auf dem Gebiet. Ich bin einfach genau wie du eine Mutter. Aber wenn du mich so nett fragst: Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass sich ein Kind einer Puppe mehr öffnet als einem Erwachsenen/Elternteil. Letzterer hat ja wechselnde Rollen: weist auch manchmal zurecht, ruft Dinge wie: „Pass auf!“ oder sagt im Ärger: „Och mensch, schau mal, jetzt ist die ganze Küche voller Teigspritzer!“ Da die Puppe sowas nie macht und immer nur die Rolle der bestärkenden Zuhörerin hat, leuchtet es mir ein, dass das Kind sich ihr anders öffnet. Von der Puppe muss das Kind nicht befürchten, emotional „abgewatscht“ zu werden.

      Und du berichtest ja selbst, dass die Puppe bei euch gut angenommen wird. Ich freue mich also, dass du mich auf diese Idee gebracht hast – danke dafür! Ich werde so eine Erzählpuppe/ein Erzählkuscheltier mal testweise auch bei uns einführen.

      Viele Grüße!

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