Respekt

Oder: Wir meinen nicht das gleiche. Und: Was das mit Erziehung und Feminismus zu tun hat.

Respect

Grosse Worte eignen sich bestens für Tattoos. Etliche Menschen wählen das Wort „Respect“ und lassen es sich in die Haut stechen, für alle sichtbar via Google Bildersuche. Aber beim Betrachten dieser Tattoo-Fotos frage ich mich, ob sie mit dem Wort das gleiche meinen wie ich.

Der Pate oder Gandhi

Es gibt da eine Verwendung des Wortes „Respekt“, die hat mit Stärke zu tun. Das zieht sich als wiederkehrendes Motiv durch Filme mit einem gewissen Gehalt an Gewaltdarstellung. In dieser Interpretation des Wortes muss man sich Respekt verdienen – mit Stärke. Die Älteren unter uns dürfen hier an den „Paten“ denken, die Nerds an Kingpin aus „Daredevil“. Das Motiv erinnert zudem auffällig an einen Wesenszug der autoritären Erziehung: Szenen wie (achtung Klischee) der Vater, der den Sohn schlägt, und ihm zugleich eine Standpauke zum Thema Respekt hält, drängen sich vor meinem inneren Auge auf.

Wenn ich selbst mir vorstelle, ich säße dem Paten oder Kingpin gegenüber, so ganz echt und in Farbe, dann ist die erste assoziierte Empfindung nicht Respekt. Sondern eine Mischung aus Furcht und starker Beklemmung, jedenfalls ein übelkeitverursachendes Gefühl, dass zwischen Hals und Brust sitzt wie ein zäher Tropfen Säure.

Überlege ich andererseits, welche Personen ich mit dem Wort Respekt verknüpfe, denke ich an Mutter Theresa oder Gandhi. Sanfte Personen, die anderen Menschen grundsätzlich erst einmal mit Respekt gegenübertreten. Sie erwecken in mir das Gefühl, sie ebenfalls mit höchstem Respekt behandeln zu wollen.

Feminismus und Respekt

Auch im Feminismus fällt öfters das Wort Respekt. Und zwar als das, was ihnen im Patriarchat oft zu wenig und bisweilen auch gar nicht entgegengebracht wird. Beispielsweise dann, wenn Frauen objektifiziert werden, sei es in der Werbung oder auf der Strasse. Die Forderung des Feminismus aka der Gleichberechtigung ist: Allen Frauen und allen anderen Menschen gebürt erst einmal Respekt; alle sind respektvoll zu behandeln.

Kinder und Respekt

Tatsächlich sind die einzigen Menschen, von denen ich Respektlosigkeit akzeptiere, Kinder. Das Verantwortungsgefälle in der Familie bedeutet für mich: Ich erwarte von meinem Kind keinen Respekt, behandle es aber immer mit Respekt. Kinder haben die Erlaubnis, respektlos zu sein. Erwachsene nicht mehr.

Das bedeutet logischerweise, dass ich davon ausgehe, dass gesund heranwachsende Kinder Respekt mit der Zeit erwerben. Meine Hoffnung: Wenn wir ihnen Mutter Theresa oder Ghandi sind, werden auch sie uns gegenüber Respekt empfinden. Und hoffentlich auch allen Frauen und anderen Menschen gegenüber.

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Kurz: Feminismus und Attachment Parenting haben die gleiche Auffassung von Respekt.

Kinder und Furcht

Auch wenn es offensichtlich ist, der Vollständigkeit halber auch dieser Gedanke: Versuchen wir, Kindern den falsch verstandenen Respekt beizubringen, durch verbale oder gar körperliche Züchtigung, lernen sie nur, uns zu fürchten. Und werden selbst später zu Angstmachern, zu Diktatoren im Kleinen oder im Grossen. Zu Schikanierern auf dem Pausenhof. Oder zu Politikern, bei denen Kinder vor Gericht landen, weil sie Poster des Politikers zerrissen haben. Diese Menschen wittern überall Respektlosigkeit und rennen zugleich einer falschen Definition von Respekt hinterher. Sie trinken Salzwasser gegen den Durst.

Nun werden die aller wenigsten Eltern ihren Erziehungsstil als diktatorisch bezeichnen. Aber wie mich Alfie Kohn gelehrt hat: Meine Absichten sind irrelevant; das einzige was zählt ist, wie das Kind es empfindet.

Und da gibt es durchaus Mikroaggressionen, mikrodiktatorische Handlungen und Bemerkungen, die sich durch unser aller Alltag ziehen. Der Klassiker: „Der/Die tanzt dir doch auf der Nase herum!“

Schwingt da nicht ein Hauch von dem „Respect“ der Tatoos mit?

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